23. April 2014

Zur Zukunft von St. Maximilian Kolbe in Wilhelmsburg

Am 23. April 2014 fand im Bürgerhaus Wilhelmsburg unter großem öffentlichen Interesse die vom Denkmalverein Hamburg, namentlich Herrn Barth, initiierte Diskussionsveranstaltung zum Fortbestand der Kirche St. Maximilian Kolbe an der Krieterstrasse in Wilhelmsburg statt. Wie die Presse berichtet hatte, droht der eindrucksvollen Kirche der baldige Abriss, wogegen u.a. auch die Hamburgische Architektenkammer in einer Stellungnahme protestierte.

Die katholische Kirche St. Maximilian Kolbe wurde mit der Begründung, sie sei auf Grund ihrer „ungewöhnlichen, ausdrucksstarken Spiralform und der gezielten Verwendung von Sichtbeton ein charakteristisches Beispiel für den Kirchenbau der 70er Jahre“, unter Denkmalschutz gestellt. Dieser Kirchenbau aus damals modernen, in Mode gekommenen Thermocrete-Beton des Bremerhavener Architekten Jo Filke wurde 1974 geweiht und ähnelt in ihrer expressiven Formensprache Notre Dame du Haut de Ronchamps (1955, Le Corbusier), St.Nicolas de Hérémeuse im Wallis (1970, Förderer) aber auch St. Johannis in Sülz /Köln, einem kantigem Betongebirge der katholischen Hochschulgemeine (1964, J. Rikus), sowie dem Motiv des Guggenheim-Museums und des Meeresmuseums in Stralsund (2008, Behnisch Architekten ), benannt mit dem gleichen volkstümlichen Spitznamen einer „Klorolle“. Die Kirchenbauer der Nachkriegszeit legen einerseits bis in die 1970er Jahre Bekenntnis ab zur schlichten Form im Kirchenbau, entwickelten andererseits eine Vorliebe für expressive Einzelformen, die aber kein Wille zu Formexperimenten, sondern eher Ausdruck einer geänderten Auffassung von Liturgie und Gemeindearbeit waren. Die bauzeitliche Zerrissenheit der Nachkriegsgemeinden setzt sich bis heute in der neuen Zerrissenheit der Kirche fort.

Die Katholische Kirche verfügte in Wilhelmsburg den Abriss der einen Gemeindekirche St. Maximilian Kolbe zugunsten der anderen Gemeindekirche St. Bonifatius. Motiv hierfür waren weniger eine sinkende Gemeindemitgliederzahl oder die Sanierungskosten als vielmehr der Wunsch nach einer Erweiterung und Modernisierung des angrenzenden Alten- und Pflegeheims St. Maximilian Kolbe in katholischer Trägerschaft der Malteser (auf der Website des Erzbistums Hamburg wird von einer „Sicherung und qualitativen Weiterentwicklung“ gesprochen). Das existierende siebengeschossige Alten- und Pflegeheim St. Maximilian Kolbe schließt an das Pfarrhaus als Teil des Denkmals St. Maximilian Kolbe Kirche an. Das Pfarrhaus bietet selbst keine gestalterische Einheit oder Zugehörigkeit zum Kirchengebäude oder zur ursprünglichen Gartenanlage, die der Expressivität des Kirchenbaus mit spiralförmig angeordneten Beeten, Steelen und Pflanzmauern folgte; ebenso wenig sind beim später entstandenen Alten- und Pflegeheim gestalterische Formbezüge erkennbar. Obwohl vom selben Architekten Jo Filke zeitgleich mit dem Kirchenbau entworfen, fristet das Pfarrhaus ein eher belangloses Dasein zwischen expressiver Kirche und gestaffeltem siebengeschossigen Alten- und Pflegeheim. Was damals die Beteiligten zu dieser Lösung veranlasste, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Ein an der Strasse gelegenes Vorgängergebäude schloss nicht an das abseits der Strasse im rückwärtigen Grundstücksbereich gelegene Pfarrhaus an.

Der von mir eingebrachte Vorschlag, dieses Pfarrhaus aus dem Denkmalschutz zu nehmen und gegebenenfalls mit städtebaulichen und bauordnungsrechtlichen Zugeständnissen eine Erweiterung des Alten- und Pflegeheims im rückwärtigen Bereich zu ermöglichen, um im Anschluss daran das vorhandene Heim zu modernisieren und nötigenfalls auch aufzustocken, fand auf der Veranstaltung großen Zuspruch. Eine vertiefende Planungsphase mit dem Ergebnis eines auszuschreibenden Wettbewerbs für die Weiternutzung und Erweiterung der Gebäude wäre wünschenswert.

Für das Baumaterial Thermocrete Beton, ein Leichtbeton, werden derzeit Instandsetzungsmöglichkeiten erforscht, da mittlerweile Schäden an mit diesem Material erstellten Gebäuden auftauchen. Erste Ansätze für Sanierungsverfahren werden entwickelt. Die Schwierigkeiten liegen in den unterschiedlichen Mischungsverhältnissen der porigen Zuschlagsstoffe aus Hüttenbims, Rennschlacke, (ähnlich der Hochofenschlacke) und deren unterschiedliche Korngrößen und Verarbeitung (gerüttelter Schüttbeton) auf den Baustellen. Als Vorteile dieses neuen Baustoffes galten die geringere Dimensionierung und die verbesserte Wärmedämmung gegenüber Schwerbeton sowie der schnellere Baufortschritt. In wieweit der nunmehr bei der St. Maximilian Kolbe Kirche bereichsweise freiliegende Betonstahl mit einer neuen möglichst gleich aussehenden Bekleidung geschützt werden kann, müssen die neuen Untersuchungen ergeben.

Nachdem Oberbaudirektor Walter, der Leiter des Denkmalschutzamtes Herr Kellner, der Vorstand der Stiftung Bürgerhaus Wilhelmsburg Frau Kiehn und der Deputierte der Kulturbehörde und zugleich Abgeordnete der SPD in der Bezirksversammlung Hamburg Mitte Herr Lübke ihr Votum für den Erhalt der St.Maximilian Kolbe Kirche abgegeben hatten, geriet Herr Dreyer als Beauftragter des Erzbistums Hamburg zunehmend unter Druck, als er die Pläne zum vorgesehenen Abriss und Verkauf des Kirchengebäudes und Pfarrhauses darlegte - offensichtlich im herben Widerspruch zur Kirchengemeinde. Im Staatsvertrag mit der Stadt Hamburg ist die Entscheidungsfreiheit der Kirche geregelt. Viele Ideen zur Weiternutzung wurden durch das Publikum, das aus ganz Hamburg angereist war, angeregt. Insbesondere der breite Kreis der Kirchenmitglieder identifizierte sich mit dem Kirchengebäude und bekundete großes Interesse am Erhalt „ihres“ ortsbildprägenden Kirchenbaus, wenn auch nicht um jeden Preis. Wirtschaftliche Fragen konnten jedoch mangels vorliegender fundierter Zahlen noch nicht beantwortet werden.

Wenngleich im Staatsvertrag mit der Stadt Hamburg die weitgehende Entscheidungsfreiheit der Kirche über ihre Immobilien festgeschrieben ist, hat die Katholische Kirche nicht zuletzt auf öffentlichen Druck hin inzwischen eingelenkt. Weitere Untersuchungen zum Bestand sowie zu Nutzungsmöglichkeiten des Kirchengebäudes und eine Kostenschätzung sind beauftragt. (Um-) Nutzungsvorschläge aus der Öffentlichkeit sind ausdrücklich erwünscht. Der Abrissantrag ruht bis auf weiteres. Ende Juni sollen die Beteiligten die Nutzungskonzepte, die Ergebnisse der Schadensdokumentationen sowie die planerischen Möglichkeiten zusammentragen und auswerten. Eine erneute öffentliche Diskussionsrunde auf Grundlage dieser Erkenntnisse wäre wünschenswert. Die Hamburgische Architektenkammer begrüßt und unterstützt ausdrücklich die neue Initiative zum Erhalt dieses außerordentlichen Kirchengebäudes und wird die weitere Entwicklung kritisch und konstruktiv begleiten.

Anna Zülch

Hon. Prof. Dipl.-Ing. Anna Zülch ist Partnerin im Büro Bassewitz & Zülch, Hamburg, Honorarprofessorin an der HAWK Hildesheim mit dem Schwerpunkt „Entwerfen in der Denkmalpflege“ und Mitglied im Vorstand der Hamburgischen Architektenkammer.
Text: erschienen in DAB regional Hamburg 07-2014
Foto: Otmar Landt / Copyright: Denkmalschutzamt Hamburg Bildarchiv

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