August 2014

Statement

Braucht Hamburg eine Seilbahn? - Zwei gegensätzliche Statements

Bis zum 24. August konnten über 200.000 Wahlberechtigte im Bezirk Hamburg-Mitte bei einem Bürgerentscheid über die Seilbahn zwischen St. Pauli und den Musicaltheatern auf Steinwerder abstimmen. Beim Entscheid genügte eine einfache Mehrheit der Stimmen. Während des vorangegangen Wahlkampfs sorgte zuletzt eine vom Seilbahn-Hersteller Doppelmayr angekündigte Zehn-Millionen-Spende an den Bezirk Mitte für heftige Reaktionen. Kritiker sahen darin einen unverhohlen Versuch von einseitiger Beeinflussung und indirekter Bestechung.

Der AIV nimmt den Bürgerentscheid zum Anlass, nochmals aus städtebaulicher Sicht die Argumente von Gegnern und Befürwortern der Seilbahn gegenüber zu stellen. Zwei Vorsitzende des AIV Hamburg vertreten dabei im Folgenden ganz unterschiedliche Positionen: Dr. Stefan Ehmann (Foto links), Ingenieur und amtierender Vorsitzender des AIV befürwortet in seiner Stellungnahme den Bau der Seilbahn; Gerhard Hirschfeld (Foto rechts), Architekt und Stadtplaner sowie Vorsitzender des AIV von 1974 - 95 erteilt mit seinen Argumenten dem Vorhaben eine deutliche Absage.


Braucht Hamburg eine Seilbahn?
Ja! sagt Dr.-Ing. Stefan Ehmann:

„ Die Frage zu einer Hamburger Seilbahn wird, seit Stage Entertainment und der Seilbahnbauer Doppelmayr ihr Projekt 2010 der Öffentlichkeit präsentierten, kontrovers diskutiert. Aus meiner Sicht spricht vieles für eine Seilbahn in Hamburg, wie sie derzeit geplant ist. Hamburg und die Hamburger können davon nur profitieren. Das liegt nicht zuletzt an der umsichtigen Konzeption der Initiatoren. Bei ihrer Planung sind sie mit größtem Respekt vor den Wahrzeichen der Stadt vorgegangen. Die Haltestellen – gerade die an der Glacischaussee in der Neustadt – fügen sich als zweigeschossige Bauwerke mit überschaubaren Grundrissabmessungen sehr harmonisch in ihre Umgebung ein und belegen Flächen, die keiner anderen Nutzung zuwider stehen.

Für die Standorte der beiden Pylone sind umfassende Untersuchungen unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes, der Natur und der städtebaulichen Perspektiven durchgeführt worden. Die bedeutenden Sichtachsen auf den Michel werden jederzeit gewürdigt. Die beiden Pylone wurden von dem renommierten Kollegen Dietmar Feichtinger entworfen. Ihre Form ist trotz ihrer „schweren“ Aufgabe elegant und schlank. Die Gründung erfolgt beinahe „unsichtbar“ auf unterirdischen Pfählen in Abstimmung mit vorhandenen Bestandsbauwerken wie beispielsweise U-Bahn und Sielen. Sowohl der Revision und als auch der Nachhaltigkeit werden hierbei umfassend Rechnung getragen.

Die Seilbahn bietet Hamburgern wie Besuchern neue Perspektiven auf die Stadt und den Hafen. Der Schifffahrts- und Hafenbetrieb würden in keiner Weise behindert. Auch mit einem höheren Verkehrsaufkommen ist nicht zu rechnen. Vielmehr böte die Seilbahn eine Möglichkeit, die Verkehrssituation auf St. Pauli zu entlasten. Die großen Parkflächen neben den Musicalzelten in Steinwerder bieten ausreichend Platz zur Aufnahme von Bussen und PKWs. Hamburger aus dem Süden der Stadt und Bewohner aus der südlichen Metropolregion könnten ihr Auto dort parken und mit der Seilbahn in die Innenstadt schweben. In vielen Metropolen weltweit dienen Seilbahnen bereits als sicheres und zuverlässiges Verkehrsmittel zur Personenbeförderung. Zudem können sie nahezu emissionsfrei betrieben werden. Hamburg sollte das große Potential dieser innovativen urbanen Verkehrslösung nicht verschlafen. Ein Ausbau der Stecke bis nach Wilhelmsburg ist jederzeit möglich.

Die Seilbahn für Hamburg ermöglicht anders als die Barkassen eine neue, sonst für viele kaum mögliche Perspektive auf den Hamburger Hafen mit den Hafenbetrieben, den Werften, der Industrie und den südlich der Elbe liegenden Stadtteilen. Für viele Menschen stellt eine Seilbahnfahrt immer noch eine Attraktion dar, die hier nicht durch seinen besonderen Nervenkitzel sondern durch seine Anmutung beim Überflug der Elbe zum Ausdruck kommt.

Seilbahnen im innerstädtischen Bereich stellen immer noch eine besondere Innovation dar. Angeboten als Verkehrsmittel genießen sie vielerorts eine hohe Akzeptanz. Sie sind dort konkurrenzlos, wo andere Verkehrsmittel wegen häufiger Knotenpunkte bei großem Verkehrsaufkommen versagen. Sie bieten außergewöhnlichen Komfort und ein einzigartiges Erlebnis. Trotzdem sind sie derzeit noch im Vergleich selten innerstädtisch genutzt anzutreffen. Das große Potential dieser für urbane Nutzungen innovativen verkehrlichen Lösungen sollte genutzt und weiter erprobt werden. Die Rückbauverpflichtung der Betreiber bietet dafür alle Möglichkeiten einer zukünftigen Beurteilung. “


Braucht Hamburg eine Seilbahn?
Nein! sagt Dipl.-Ing. Gerhard Hirschfeld:

„ Der Architekt Prof. Volkwin Marg erklärte am 23.6.2014 am Schluss seiner Philippika gegen eine Seilbahn in Hamburg: Eine Seilbahn könne durchaus eine Bereicherung des touristischen Angebots einer Stadt sein und ist es in vielen anderen Städten auch, doch diese lassen sich in keiner Weise mit der Situation in Hamburg vergleichen! - wie hier dargelegt:

Die Trasse: Sie führt vom Ein- und Ausstieg auf dem Gelände der ehem. Feuerwache an der Glacischaussee auf der Linie des Wallrings vorbei am Bismarck-Denkmal zum Hafentor aufsteigend über 3-4 Pylone zum etwa 90 m hohen Elbpylon. Dort führt sie über die Elbe und parallel dazu wieder herunter zu den beiden Theatern auf Steinwerder. Es ist die Trasse des ehemaligen Wallrings vom Millerntor zum Hafentor, wo der Stadtgraben an der Bastion „Albertus“ den natürlichen Geesthang durchschneidet. Der vermeintliche Vorteil: Die Trasse führt nicht über die Bebauung. Aber: Wenn hier  - wie woanders auch -  die Regel gilt, dass gegen Absturzgefahr die Trasse  freigeräumt werden muss, würde hier eine breite Schneise durch den historischen Grünzug geschlagen werden müssen. Angeblich soll das hier nicht gelten....

Die Bodenstation: Sie braucht Raum für Parkplätze, diese werden nicht nur zu den Vorstellungen erheblichen Verkehr an sich ziehen und so den ohnehin durch Reeperbahn und Hafenbetrieb gestörten Stadtteil zusätzlich belasten. Die Pylone: Sie werden in Konkurrenz zu den traditionellen Türmen der Stadtsilhouette treten, allen voran der „Elbpylon“ mit rd. 90 m Höhe in der Hauptsache. Je nach Blickwinkel werden diese Pylone ähnlich wie früher der als „städtebauliche Sünde“ verschriehene Hafenschornstein die Stadtkrone verschandeln. Es würde mit einer angeblichen weiteren Touristenattraktion eine andere Attraktion zerstört werden, die Stadtkrone! Zur Erinnerung: Die Türme von St. Michaelis und St. Petri sind 132 m hoch, der von Nikolai 147m. Aber der Turm von St. Katharinen gerade mal 115 m und der Rathausturm 115 m. Alle drohen heute schon allmählich durch die immer höher werdenden Gebäude zuzuwachsen, trotzdem zählt es immer noch zu den emotional aufgeladenen Erlebnissen, Hamburgs Stadtkrone von Süden her zu erleben.

Die Funktion: Die Seilbahn soll die Stadt mit der andern Elbseite verbinden und so nicht nur Zubringer zu den dort befindlichen Theatern sein, sondern auch zusätzliches Verkehrsmittel mit der Möglichkeit der Verlängerung zur Veddel und nach Wilhelmsburg bilden. Aber: Die Kosten und die angestrebte Amortisation über 10 Jahre werden die Preise für die Überfahrt derart gestalten, dass  tatsächlich nur der „Event-Effekt“ für Touristen und Konzertbesucher einen solchen Aufwand lohnt. Eine Eingliederung in das Verkehrssystem der Stadt würde nur lohnen bei einer Verlängerung, was zusätzliche Kosten erfordern würde. Eine Eingliederung in den HVV ist wegen der unterschiedlichen Finanzierungen nicht vorgesehen. Der Betrieb: Bei allem Glauben an die sichere Technik wird es nicht ausbleiben, dass bei Unwetterwarnungen der Betrieb  eingestellt werden muss, ein Unding für ein öffentliches Verkehrsmittel, und damit kein wirklicher Ersatz für den Schiffsverkehr!

Das Verfahren
: Hier soll eine private Investition zur Umsatzsteigerung der Eventszene und zur Auslastung der Seilbahnindustrie mit den Mitteln der demokratischen „Bürgerbefragung“ durchgesetzt werden. Man mag zur Professionalisierung stehen wie man will, auch Wahlkämpfe werden heutzutage professionell organisiert. Aber: Ein solch komplexes Abwägungsverfahren jedoch  aus dem politischen und administrativen Prozess heraus zu katapultieren und „Volksmeinung“ dagegen zu stellen, ist mehr als fragwürdig. Eine einfache Frage auf dem Wahlzettel wie „Sind Sie dafür, dass ….....“ kann diesen Prozess nicht ersetzen! Die Regeln des Volksbegehrens schreiben vor, den Prozess auf den Bezirk zu beschränken, in dem das Projekt geplant ist. Die Bewohner des Bezirks Mitte werden also darüber abstimmen, was eigentlich Sache aller Hamburger sein sollte: Eine Veränderung der Stadtgestalt ist eine solche Sache!



Sicht auf Seilbahn-Pylon oberhalb Landungsbrücken (Modellfoto Juni 2014)

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