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Bauwerk des Jahres 2012

Ökumenisches Forum Hafencity

 
Projekt:
Ökumenisches Forum Hafencity, Shanghaiallee 12-14
Bauherr:
Grundstücksgesellschaft Shanghaiallee Hafencity GbR, Hamburg
Architekt:
Wandel Hoefer Lorch Architekten, Saarbrücken
Tragwerksplanung:
Weber Poll Ingenieure, Hamburg
 
Das ist ein Novum: Obwohl sich das Bauen mit Baugruppen längst etabliert hat, zeichnet der AIV in Hamburg zum ersten Mal ein Bauwerk aus, für das sich gleich neunzehn Bauherrn zu einer Baugemeinschaft zusammengeschlossen haben. Viele dieser Bauherrn sind Vertreter von Institutionen, die in der Stadtgeschichte längst vielfältige Spuren hinterlassen haben, die nicht nur prominente Triple-A-Lagen gewöhnt sind, sondern häufig selbst „Lage gemacht“ haben - wie es im Maklerdeutsch heißen würde. Einige davon hätten ein Haus dieser Größe ohne Wimpernschlag für sich allein beansprucht. Eine gemeinsame Anstrengung wie dieses Vorhaben müsste also von Plätzen umspült, von Turmspitzen umkränzt sein und alle Achsen der Stadtplaner auf sich ziehen. Halleluja.

Doch weit gefehlt: Die Vertreter von 19 christlichen Konfessionen haben sich nicht hinreißen lassen, haben nicht die Kasse geplündert, um raumgreifend Anspruch auf den neuen Stadtteil zu erheben. Sie haben sich mit einer Randlage begnügt, einer Blockrandlage. Shanghaiallee 12-14. An dieser Adresse hat sich ein neues, religiöses Joint Venture eingefunden, das Zurückhaltung und Gelassenheit demonstriert und beinahe mit gewöhnlichem Ausdruck daherkommt. Die ansatzlose Blockrandschließung, das fast monochrome Material, die stoische Reihung von sprossenlosen Fensteröffnungen: Das erscheint weit entfernt von sakraler Transzendenz und lässt zuerst an ein Bürogebäude denken. Fast wären wir daran vorbeigelaufen. Doch auf die massive Blockwand haben auch Kräfte eingewirkt, die nicht dem Anpassungsdruck der Ökonomie geschuldet sind.

Und noch etwas fällt auf. Das Haus hat zur Straße hin tagsüber viele unverschlossene Türen, die zu Räumen unterschiedlicher Stimmungen führen: Ins Foyer, in die Kapelle, in das Café oder in einen Versammlungsraum, und schließlich hofseitig wieder auf eine geräumige Terrasse. Alle Bereiche liegen gleichberechtigt nebeneinander und sind miteinander verbunden. Das Angebot ist unverbindlich, hält nicht gleich Ausschau nach neuen Stammkunden. Darüber liegen in den zwei nächsten Etagen die Büros verschiedener Kirchenvertretungen. Auch das weitere Raumprogramm offenbart, dass in diesem Haus vor allem die angestammte Kernkompetenz der Konfessionen in den Vordergrund gerückt wird: Gespräche zwischen Laien, Gästenund Profis; Gespräche unter Freundenoder Gleichgesinnten, Gespräche mit sich oder mit Gott. Halleluja.

Es ist ein multifunktionales Stadthaus, in dessen oberen Etagen viel Alltag herrscht. Dazu leistet eine pragmatische Stahlbetonskelettkonstruktion willfährige Dienste und ermöglicht zwei- und dreibündigen Raumstrukturen, die sich durch die bewegte Fassade nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die Flure folgen hier lieber dem Gesetz der kurzen Wege. Aneinandergereihte Räume sind bestimmt für ein gemeinschaftliches Leben im Beten und Arbeiten. Dass die Baukonstruktion auch richtig bespielt wird, dafür hat der neue Hauptmieter bereits während des Bauens gesorgt. Der Verein „Brücke“betreibt in den oberen Geschossen Wohnungen, Wohngemeinschaften, Studien- und Gästeapartments und das Stadtkloster des Laurentiuskonvents.

Könnte man da auch an Diaspora denken? Ein Haus für eine gläubige Gemeinschaft fernab üblicher Typologien und bekannter Insignien, das könnte hier in Hamburg doch eine der vielen islamischen Gemeinden beherbergen. Doch der Schluss ist voreilig. Die konkaven und konvexen Deformationen der roten Backsteinfassaden schwingen bis an ihre Ränder aus und darüber hinaus: Wo sie vom Bürgersteig zurückweichen, widmen sie diesen zum Vorplatz um und weisen uns achsgenau den Weg in die Kapelle. Auf der Rückseite schiebt diese sich dafür in den Freiraum und überformt die Außenwand zur Apsis. Und dort wo bei diesem Gebäude straßenseitig ein Glockenturm ansetzen könnte weicht die Fassade erneut zurück, um der Glocke auf der Außenwand Raum und Rahmen zu geben – und natürlich hellen Klang! Halleluja.

Dass muss man schon raffiniert nennen: Wo die Großform des Blocks zu atmen beginnt und die strengen Baulinien verlässt, wird nicht nur auf den Inhalt verwiesen. Hier wird zugleich die Stadt und ihre althergebrachte Struktur als Ganzes kommentiert und gespiegelt. Und so wird aus dem vermeintlichen Bürogebäude doch noch ein institutionelles Bauwerk, das sich ganz sublim einer raumgreifenden Baukunst bedient.

Und virtuos muss man es auch nennen: Ohne das Hier und Jetzt zu Verlassen knüpft das Haus mit angewandter Maurerhandwerkkunst an die expressionistischen Architekturen eines Fritz Högers an, den Architekten des Chilehauses. Was als Städtebau ganz groß gedacht werden kann wird aus dem Material feingliedrig herausgearbeitet. Je nach Lichteinfall und Standpunkt changieren die netzartigen Texturen der Backsteinfassade, die aus der an- und abschwellenden Eigendynamik entstehen; Stein für Stein lösen sie sich aus dem Block um sich wieder in ihn versenken. Da wären wir sicherlich alle gerne auf dem Gerüst gestanden und hätten ein paar Steine zugereicht. Halleluja.

Auch im Innersten bestand keine Versuchung: Bleifenster oder Barockorgeln werden heute bei Neubauplanungen von Kirchen nicht mehr in die engere Wahl gezogen. Kirchen aller Konfessionen sind über den Kontinent hinweg der modernen Architektur nicht nur gefolgt, sondern führen diese häufig an. So kann man auch die Kapelle im Ökumenischen Forum ob Ihrer formalen Strenge nicht eine hanseatische oder gar protestantisch Dominanz unterstellen.

Der inneren Einkehr wird eine gereinigte Formensprache zur Seite gestellt; einheitliche Materialien zeigen sich gewählt und erhaben in ihrem Eigenwert; eingravierte Texte bekennen gleichermaßen Übereinkunft und eine verschwiegene Liebe zum Ornament. Das Goldene erscheint hier vor allem als Schein. – Oder nüchtern betrachtet könnte es uns an die besonders hohe Energieeffizienz des Hauses erinnern: Es trägt das Umweltzeichen „Hafen City Gold“. Halleluja.

Allzu gerne übertragen wir Bewegung in Form, Form in Worte und Worte in Überzeugung. Doch auch ohne einen Logenplatz an der Wasserkante oder an einem der neuen Stadtplätze, auch ohne mehrschiffige Gewölbeanlagen und ohne erhabene Dachbekrönungen hat es das ökumenische Zentrum am Hafenrand geschafft: Es ist bereits angekommen auf Europas größter Citybaustelle. Und ein kleines As steckt noch im Ärmel: Ganz oben befindet sich eine geschützte Terrasse, die fast das ganze Dach einnimmt und herrliche Ausblicke über Hafen und Stadt bereithält; das wird sich vielleicht noch herum- sprechen und zu ganz besonderen Versammlungen unter freiem Himmel einladen.

Und vielleicht kann dieses Baugruppenprojekt eine Anregung sein für Städte wie Belfast, Bagdad oder Beirut. Hier in Hamburg zeigt sich ein Baugemeinschaftswerk verschiedener Glaubensrichtungen jedenfalls mit besonnenem Ergebnis: Es ist nicht nur angemessen und seinen Aufgaben gewachsen, es ist zugleich eines der ganz besonderen Bauwerke in der Hafencity. Für uns schon ´mal ein Bauwerk des Jahres. Halleluja. Gepriesen seien auch: Die Bauherrn, die Architekten und die Ingenieure!

Peter Olbert

13.10.2013

Fotos: Norbert Miguletz

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