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Bauwerk des Jahres 2016

Erweiterung Headquarter Gebr. Heinemann

 
Projekt:
Erweiterung Headquarter Gebr. Heinemann
Bauherr:
Handelsunternehmen Gebr. Heinemann, Hamburg
Architekt:
gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner, Hamburg
Tragwerksplanung:
Ingenieurbüro ​Weber Poll, ​Hamburg
 
Trägt Baukunst zur Charakterbildung bei? Ist diese gar Voraussetzung für die Entwicklung von Baukunst? - Es gibt Grundstücke, die verführen, und es gibt Nachbarschaften, die Autonomie heraufbeschwören. Hier in der Hafencity finden sich aber auch Grundstücksgrößen, auf denen sich die realisierten Baumassen über mehrere Flurstücke wie Kaugummi ziehen und wiederum eher begrenzte, auf denen sich manch errichtetes Gebäude durch rekordverdächtige Verschachtelung behaupten will. Und man bekommt hier nebeneinander alle Arten und Schattierungen von Backstein, Klinker und Ziegeln angeboten. Hier ist es halt wie im richtigen Leben: Der eine ist bemüht, seinen Claim abzustecken, der andere, seinen Stern zum Leuchten zu bringen.

Und obwohl dabei manch spannende und außergewöhnliche Architekturen entstehen, erscheint der Übergang der neuen City zur gewachsenen Stadt noch anzudauern. Natürlich ist das wieder eine Verallgemeinerung, hinter der sich genauso viele Ausnahmen verstecken, so wie jetzt hier an der Ecke Koreastraße/Shanghaibrücke. Wir blicken entlang der südwestlichen Kante des Brooktorhafens auf einen schmalen Straßenblock aus dicht nebeneinander aufgereihten Gebäuden und fragen uns: Seit wann stehen die eigentlich hier?

Ein einheitliches Kleid aus orangerotem Ziegelstein überzieht das Ensemble. Geschlossene und durchbrochene Mauerwerksfassaden wechseln sich mit geschossübergreifenden Lisenen und Leibungen ab. Immer wieder tauchen haushohe Wandöffnungen auf, die bei dem Gebäude mit den meisten Gebrauchspuren als Einbringe-Öffnungen eines Speichers auszumachen sind. Obwohl die Baukörper miteinander verwoben erscheinen, lassen sich nicht zuletzt durch ihren Rhythmus drei Gebäude deutlich voneinander abgrenzen. Ihre städtebauliche Ordnung, die in der Perspektive einem klassischen Triptychon ähnelt, wird gebildet aus:

1. Dem neogotischen Kaispeicher B aus dem 19.Jahrundert, der denkmalgeschützt ist und als das Maritime Museum genutzt wird. 2. Dem postmodernen Kontorhaus der Gebrüder Heinemann, das auf einem ehemaligen Lagerhaus der 1970er Jahre basiert und das ab den 80er Jahren zur Unternehmenszentrale umgebaut und erweitert wurde. Und schließlich 3.: Dessen Erweiterung mit einem 7- bis 9-geschossigen, gestaffeltem Bürogebäude, das 2013 aus dem Siegerentwurf eines Wettbewerbsverfahrens hervorging. Mit dem Bestand ist es durch ein gläsernes, 5-geschossiges Brückengebäude verbunden.

Doch auf seine besonderen Qualitäten als „Anbau" werden wir bei diesem Neubau noch zu sprechen kommen. Denn sein architektonisches Konzept mit seinem gleichmäßig umlaufenden Wechsel aus durchbrochenen Wandscheiben und vollverglasten Flächen bildet eigentlich einen in sich ruhenden Solitär. Unübersehbar ist auf dem rechteckigen Grundstück die Setzung, die sich aus der Gruppierung von vier schlanken, hochkant stehenden Gebäudeschalen ergibt, die sich jeweils um neunzig Grad gedreht aneinander anlegen.

In der Höhenlage bleiben sie selbstbestimmt und evozieren in dieser aufgelockerten Turmkonfiguration eine eigene Gebäudetypologie, deren Prinzip zu jeder Seite ablesbar bleibt. Trotz der selbstbezogenen Stringenz und vermeintlichen Abgeschlossenheit erzeugt seine Ausrichtung genau das Gegenteil: Sie öffnet sich rotationsgleich zu allen Seiten und betont die stadträumlichen Achsen seines weiteren Umfelds.

Es ist ein Bauwerk, das die Rahmung für den historisierenden Gebäudebestand liefert und zugleich selbst Teil des Bildes wird. Als möchte es erst die Vorgänger ins rechte Licht rücken, um dann doch mit bestimmender Attikahöhe überragender Abschluss zu werden. Dabei erscheint es fast spielerisch wie eine erste Modellbau-Studie, die man nach dem Aufräumen probeweise zusammengestellt hat.

Und so schärft es den intellektuellen Kontrast der verschiedenen Zeitschichten des Ensembles, hebt deren funktionale und formale Bausteine hervor, die dabei vor allem in der benachbarten Dachlandschaft herausgewaschen werden, ohne dass einzelne Tonwerte verlorengehen oder andere zu stark überhöht werden. Die in den letzten Jahren in der Architektur gern benutzte Wortfügung „Vielfalt in der Einheit" scheint hier das exakte Maß gefunden zu haben. Abschauen konnte man sich das aber bei der Speicherstadt schon etwas länger; sie steht gerade einmal einen Kanal weiter.

Wäre es nicht so raffiniert, müssten man es Bescheidenheit nennen, mit der hier auf den Einsatz personalisierter Formensprache und unverwechselbare Details verzichtet wird, teilweise sogar die Fassadengrafik der 70er zitiert wird. Doch alles ist jetzt ein bisschen großformatiger und offener, gleichmäßiger und gelassener. Im Inneren sind die Türme etagenweise zusammenhängend um eine Nebenraum-Spange gebunden und – da bei diesem Bauwerk von Anfang an jegliche Warenlagerung ausgeschlossen werden konnte - wenden sich durch die großflächig verglasten Fronten überall dem Licht und dem Außenraum zu.

Dieser Entwurf vertraut auf die älteste Sprache der Baukunst: Die Proportion. Aus Teilung und Teilungsverhältnissen seiner Bauglieder sowie daraus folgenden Ableitungen schöpft er seine souveräne Kraft, arbeitet mit Körpervolumen, Scheiben, Staffelungen, setzt Leibungsansichten und Fugen, Pfeiler und Wandöffnungen zueinander in ein wechselvolles Ostinato.

Und dieser Entwurf vertraut auf seine Materialität, ihre unmittelbare Wirkung und grammatische Vielfalt. Doch keine Kunst ohne Mühe: Für die 130.000 handgestrichenen Ziegelsteine musste erst eine Ziegelei gefunden werden, die in zahlreichen Annäherungen-mit-Ton den Ton des Nachbarn traf. Tatsächlich: Bei der „Bloomschen Wildnis in Glückstadt" wurde man schließlich fündig.

Die Suchmaschinen werden uns zum Begriff der „didaktischen Architektur" keine konkrete Hilfestellung geben. Doch Eines ist gewiss: Dieses Gebäude erfüllt neben den anrechenbaren Schutz- und Nutzungsfunktionen vor allem eine unverkäufliche Vorbildfunktion und erinnert uns für das Weiterbauen der Stadt passend zu dem hier bespielten Dreiklang an folgende Handlungsempfehlungen: Erhaltung von Denkmälern und ihrer Lesbarkeit – Einbindung von bestehenden Nachbarschaften und ihre Förderung – Fortschreibung der Architektur mit immanenten Mitteln und Maßbezügen.

Hierfür möchten wir seinen Erbauern sehr herzlich danken und freuen uns, die Auszeichnung „Bauwerk des Jahres 2016" zu übergeben an:

Den Bauherrn: Handelsunternehmen Gebrüder Heinemann,
die Architekten: GMP-Architekten von Gerkan, Marg und Partner
und die Tragwerksplaner: Ingenieurbüro Weber Poll

Peter Olbert
Hamburg, im Oktober 2017


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