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Bauwerk des Jahres 2013

Bildungszentrum Tor zur Welt

 
Projekt:
Bildungszentrum Tor zur Welt, Krieterstraße 2
Bauherr:
GMH Gebäudemanagement Hamburg GmbH
Architekt:
bof / Bücking Ostrop, Flemming, Hamburg
Tragwerksplanung:
Schumacher und Gerber, Hamburg
Landschaftsarchitekten:
Breimann und Bruun, Hamburg
 
Der grimmige Herr Stapelfeldt konnte wunderbar Geige spielen, doch uns hat er das Kommutativ- und Distributivgesetz beigebracht, mich dann vor die Tür gesetzt und meinem Tischnachbarn so noch für den Rest der Stunde eine Portion Konzentration verschafft. - Frau Gees wiederum war eine Dame absolut unbestimmbaren Alters, immer hoch frisiert und hoch geschlossen: Mit ihrem kristallklarem "Qui Continue?" wartete Sie nicht lange auf freiwillige Antworten, wenn sich jemand in der letzten Reihe vor dem Französisch zu tief wegduckte. Wer hätte je geahnt, dass Sie den Schulleiter schon längst an der Angel hatte. - Und wer hätte gedacht, das der nasal tönende Gehrke, der genauso gut Brecht zitierte wie er uns den Felgumschwung vorturnen konnte, in seiner Freizeit vermummt in Brokdorf herumlungerte und mit seiner Parteizugehörigkeit fast alle damaligen Dienstvorschriften des "Radikalen-Erlasses" provozierte?

Willkommen in der Schule! Hier sind die Protagonisten eigentlich nie die Bauwerke. Schule wird zuerst durch ihr Personal bestimmt. Und doch wollen wir heute ein Schulgebäude prämieren: Den Neubau des Bildungszentrums "Tor zur Welt", das in Hamburg-Wilhelmsburg in direkter Nachbarschaft zum Helmut-Schmidt-Gymnasiums auf der anderen Seite der Krieterstraße entstanden ist und mit dem Gymnasium zugleich in Verbindung steht. Und wir wollen vor allem die Beteiligten, die hinter diesem Projekt stehen, auszeichnen. Den Bauherr: GMH Gebäudemanagement Hamburg, die Architekten bof, Bücking Ostrop, Flemming aus Hamburg, die Landschaftsarchitekten Breimann und Bruun aus Hamburg und die Tragwerks-
planer: Schumacher und Gerber aus Hamburg. Herzlichen Glückwunsch!

Doch dieses Projekt hat sich bei der Aufgabengestellung und Betreuung nicht mit einem Bauherrn begnügt. Bereits Anfang der 2000er machte sich das >Forum Bildung Wilhelmsburg< auf, um später den Grundstein für die "Bildungsoffensive Elbinseln" zu legen. Für ein Engagement an diesem Ort reichte schon ein kurzer Blick auf die Statistik, auf die Anzahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss und auf den Abstand zwischen der Wilhelmsburger Abiturientenqoute und dem Hamburger Durchschnitt.

Als Projektträger zeichnen daher heute auch: Die Schulbau Hamburg; die Behörde für Schule und Berufsbildung; die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt; die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration; die Kulturbehörde; das Bezirksamt Hamburg Mitte und die IBA Hamburg. Diese setzten die nicht unbedeutende Anzahl von 16 Arbeitsgruppen ein, die bereits bei den Vorgaben für den internationalen Realisierungswettbewerb in 2008 und bis zum Abschluss der Ausführungsplanung in zahlreichen Abstimmungsprozessen mitwirkten. Aber lässt sich Pädagogik planen und bauen? Und warum gibt es noch kein Essbesteck mit dem sich Schüler das Wissen von Nobelpreisträgern selbst verabreichen können? 

Hier auf der Krieterstraße stehen wir schon mittendrin im neuen Schulzentrum: Der Eingangshof ist die Straße - oder besser anders herum: Die Straße wurde zu einem Teil des Schul-Vorplatzes gemacht, verschwindet im farbigen Bodenbelag der weitläufig querenden Verbindung von Alt- und Neubau. Diese „Mischverkehrsfläche“ ist überaus unmittelbar; alle Verkehrsteilnehmer sind hier gleichberechtigt. Und man darf sie ruhig programmatisch nennen.


Denn dieses "Tor zur Welt" hat so wenig ein Schultor, wie sich die Gebäudekubaturen von der angrenzenden Wohnbebung der Gründerzeit distanzieren: Sie greifen die Größe und Ausrichtung Ihrer Nachbarn auf und führen die räumlichen Kanten an dieser Stelle zu einem klaren Abschluss.

Mit der Schule betreten Sie ein kleines Stadtquartier- im - Stadtquartier, dessen einzelne Gebäudeteile durch eine mäanderförmige Abfolge von Hallen miteinander verzahnt sind: Raumhoch verglaste Hallen, die sich zu Korridoren verjüngen und wieder zu Hallen aufweiten. Man bekommt Lust auf einen kleinen Zwischenspurt, doch zu spannend sind die Türschilder: Umweltlabor, Fahrradwerkstatt, Lesestadt, Kunstraum, Psychomotorikraum, Werkraum, Schulküche, Gymnastikraum, Umweltlabor, Mediale Geowerkstatt! Und tatsächlich, auch das gibt es hier noch im Angebot: "Räume für unterrichtsfreie Zeit".

Und wenn es Sie nicht schon in die großzügige Mensa gezogen hat oder auf einen der bunten Höfe, dann lassen Sie sich von einem der tageslichthellen Treppenhäusern nach oben führen in den ersten oder zweiten Stock. Auch hier scheint es genügend Raum zu geben, Nischen die zum Ausruhen einladen, Resträume die zur Eroberung auffordern.

Flure appellieren hier nicht an unseren Fluchtinstinkt, kein Weg führt in eine Sackgasse: Am Ende findet sich immer eine vollverglaste Wand, die den Blick auf in die umliegende Stadt freigibt, oder einen Übergang zu den begehbaren Dachflächen anbietet. Diese lichthellen End-Räume sind als möblierte
Kommunikationszonen konzipiert; sie bilden die sogenannten "Lernateliers" für die jeweils anliegenden "Lernfamilien", die aus 2 bis 4 Klassen gebildet werden. Die eigentlichen Klassenzimmer wirken bei dieser Fülle fast wie eine notwendige Zutat. Auch sie haben Sichtverbindungen, nach innen wie nach außen. Bei der Menge an Fenstern und Tagesicht ist man vor allem verblüfft über den verbrieften Passivhaus-Standard dieses DGNB zertifizierten Gebäudes.

Während unseres Gangs durch das Bildungszentrum haben wir soeben vier verschiedene Schulen besucht: die Beobachtungsstufe des Helmut-Schmidt-Gymnasiums, die Grundschule Elbinselschule, das Regionale Bildungs- und Beratungszentrum sowie den gemeinschaftlichen Verbund von außerschulischen Bildungseinrichtungen, der sich im sogenannten Torhaus befindet, einem kleinen Alleskönner, dem als Multifunktionseinheit im Tor zur Welt eine Schlüsselrolle zukommt: Mit seinem umfangreichen Angebot zu Erwachsenenbildung und Beratung soll das Torhaus allen Bewohnern des Stadtteils offen stehen.

Alle vier genannten Schulbereiche lassen sich vier unterschiedlich gewinkelten Baukörpern zuordnen. Durch ihre formale Ähnlichkeit erhalten sie vor allem im Zusammenspiel der räumlichen Staffelung ihre volle Strahlkraft. Sie umlagern das heimliche Zentrum der Schule: Die Spiel- und Sporthöfe. Hier gibt es Bewegungsflächen, einen Schulgarten und Kletter-Geräte mit umfangreichem Sortiment. Hier kann gespielt und getobt oder einfach nur abgehangen werden. Und natürlich hat diese Schule auch eine 3-Feld Sporthalle, mehrere Cafés, ein Auditorium mit Theaterbühne und Probenraum, eine Bibliothek.

Auch wenn hier manche Raumbezeichnungen bildreich sind: Die Architektur spielt nicht mit angetäuschten Inhalten, sie zeigt sich vom ersten Moment an als Spiegel ihrer Selbst und tritt sogleich zurück, bevor man merkt, dass man schon mittendrin ist. Das was diese Schule im Überfluss zu bieten hat, ist ein Netz aus Übergängen und Zwischenräumen. Zwischenräume für Entfaltung, Aneignung und Rückzug – überall spürbar, immer selbstverständlich. Da ist der Titel „Schulgesamtkunstwerk“ durchaus angebracht.
Vielleicht ist das Tor zur Welt nicht nur eines der größten IBA Projekte, sondern auch eines der wichtigsten am Standort Wilhelmsburg; ein Projekt das die Türen für die Wilhelmsburger am weitesten aufgestoßen hat, und weit darüber hinaus als Bildungsbau Schule machen wird. Vom Architekten-und Ingenieurverein Hamburg bekommt diese Schule jedenfalls eine glatte Eins mit Sternchen.


Peter Olbert, 15.10.2013
 
Fotos: Hagen Stier

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