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Bauwerk des Jahres 2015

Kulturzentrum Zinnschmelze

 
Projekt:
Kulturzentrum Zinnschmelze
Bauherr:
FHH Bezirksamt Hamburg-Nord
Architekt:
LRW Architekten und Stadtplaner Loosen Rüschoff + Winkler PartG mBb
Tragwerksplanung:
Weber Poll Ingenieurbüro für Bauwesen GbR, Hamburg
 
Zinn schmilzt bei 232 Grad Celsius. Auf der Webseite eines Kulturzentrums in Hamburg - Barmbek steht geschrieben, dass man schon bei nordeuropäischen Temperaturen dahinschmelzen könnte. Und zwar in den Räumen der alten Zinnschmelze der ehemaligen New York Hamburger Gummiwarenfabrik und ihrem neuen Anbau. Was findet denn da so statt? Momentan ein Konzert namens “Strandgut”, ein "Frühstückstreff und interkultureller Austausch", der „244. Barmbeker Spieletag“, "Faszienpilates" sowie ein "Feierabend Chor", aber auch "Tanzkrümel (2 – 3 Jahre)" und eine legendäre Salsa Night, wahrscheinlich schmilzt es sich hier am besten? Oder vielleicht bei einer Vorstellung von „Emil und die Detektive“? Dazu gibt es saisonale Gerichte aus der Region, hausgemachte Kuchen und Brote und einen täglich wechselnden Mittagstisch. Und manchmal Lagerfeuer. In Hamburg - Barmbek!

Das ist doch mal ein Programm: Unter einem Dach Musik und Partys, Tanz und Theater, Literatur, Vorträge, Kleinkunst, Kinderveranstaltungen und ein Restaurant, ein echtes selbstverwaltetes Stadtteilkulturzentrum in Hamburg! Bei diesem Programm mögen mancher Architektin und anderen Planern hier im Saal vor dem geistigen Auge sogleich die funktionalen Anforderungen auftauchen: Gastrobereich – Lagerfläche, Küche, Tresen und Speiseraum. Tanzsäle mit Schwingboden und Toiletten. Theater mit Bühnenraum, Garderobe und Foyer. Partykeller mit Lichteffekten, guter Akustik und bitte auch mit Raucherecke. Sitzungsräume mit Tageslicht und Teeküche und noch einiges mehr.

Das hat die Zinnschmelze alles! Aber auf wirklich wenig Raum. Das kleine Theater klemmt unterm Dach, der Saal gräbt sich tief in die Erde, dazwischen liegen Stockwerke mit Räumen für vielerlei Nutzungen und intelligente Mehrfachnutzungen einzelner Flächen. Im verbundenen Altbau gibt es nun das LüttLiv, das kleine Leben. Besser hätte man den Namen für das Restaurant ja nicht aussuchen können. Klein ist es, so klein, dass sich die Namensgeber manchmal ein bisschen darüber ärgern. Und all die Restaurantbesucher, die ohne Reservation hier schon lange keinen Tisch mehr erhalten, natürlich auch. Aber Liv, Leben, dass haben die hier gut hinbekommen. Leben im besten Sinne – vielschichtig, nicht immer eindeutig, eher facettenreich.

Ein kurzer Rückblick. Der Altbau der Zinnschmelze wurde bereits 1876 erbaut und für unterschiedliche Nutzungen mehrfach umgebaut und saniert. Er diente bereits seit einigen Jahren als Kulturzentrum, als 2010 ein hochbaulicher Wettbewerb ausgelobt wurde, den das Büro Loosen, Rüschoff + Winkler Architekten und Stadtplaner gewonnen hat. In ihrem Entwurf wurde dem bestehenden, denkmalgeschützten Backsteingebäude ein Baukörper aus dunkelbraunem Kupfer, in der selben Kubatur, gegenübergestellt. Das Kupfer zieht sich als Hülle über Dach und Fassade des Neubaus. Im Volumen klein gehalten und halb eingegraben blieb viel Raum für die beiden Plätze, den Marktplatz Richtung Bahnhof und den ruhigeren zur Trude und dem Kanal. So entstand der Garten für das Lagerfeuer auf der einen Seite, ein echter Abschluss für den Marktplatz auf der anderen. Der Beschluss für dieses Projekt fiel einstimmig, die Begeisterung war allseits groß.

Und heute, da sehen wir hier etwas sehr seltenes – eine Art ‚Realisierung des Wettbewerb-Renderings’. Das Projekt scheint 1:1 umgesetzt, der anvisierte architektonische Ausdruck erreicht. Das mag in den Ohren all derjenigen, die nicht täglich den Kampf um gutes Bauen kämpfen logisch, vielleicht sogar banal erscheinen. Die zeichnen da was und das wird dann gebaut! Ist es aber nicht und manchem wird das erst bewusst, wenn er mal dank intensiver Medienarbeit und heftiger politischer Ausschlachtung in die Untiefen von Bauprozessen eingeführt wird – jede Stadt hat da so ihre eigenen Aufklärungsprojekte, Hamburg eines an der Elbe, Berlin natürlich und sogar Stuttgart kann ja in Sachen Bauprozessen einiges bieten.

Auch hier bei der Zinnschmelze wurden nur wenige Themen ausgelassen. Dank der, aus Sicht der Planer nicht wirklich immer nachhaltigen Vergabeordnung, wurden die Ingenieursleistungen für Tragwerksplanung und Haustechnik nach dem gemeinsam gewonnenen Wettbewerb neu ausgeschrieben. Das führte neben zeitlichen Verzögerungen auch zu einem Wechsel im Planungs-Team. Der Platz, auf dem sich das Projekt befindet wurde dank Fördermittel auch neu gestaltet. Das ist grundsätzlich toll. Allerdings müssen Fördermittel immer in bestimmten Zeiträumen verwendet werden, was hier dazu führte, dass hier erst der Boden gemacht wurde und anschließend das Loch für die Baustelle der Zinnschmelze. Eine Baustelleneinrichtung ist dann ziemlich kompliziert, es bleiben eigentlich gar kein Platz und keine Flexibilität im Zeitplan. Und so gaben sich die Gewerke die berühmte Klinke in die Hand. Durch die erwähnten Verzögerungen hatten sich allerdings die Preise auf dem Markt bereits verändert. Das Geld in der Kasse reichte also nicht mehr für das, was bereits bestellt und schon in Arbeit war. Und, wie eingangs erwähnt, gibt es mehr als einen Nutzer, der sehnsüchtig auf die neuen Räume wartete. Mit den Verzögerungen entstanden hier nun finanzielle Nöte: bereits ausgeschriebene Veranstaltungen kann man ja schlecht einfach wieder absagen. Es schien, als ob auf vielen Ebenen an diesem Projekt gezogen und gezwickt wurde und sich unermüdlich neue Steine in den Weg legten. Ich könnte nach meinen Gesprächen mit den Planerinnen, Nutzern und Bauherrenvertreterinnen diese Liste noch länger ausführen. Doch ich denke, wir alle haben bereits jetzt verstanden, dass es nicht selbstverständlich ist, das Projekt aus dem Wettbewerb hier nun in seiner vollen Physis sehen zu können! Klein, aber lebendig, Lüttliv eben.

Das ist wohl den beteiligten Personen zu verdanken. Personen, die sich immer wieder auf neue Situationen einstellten und für die Sache, die Räume der Zinnschmelze, mitgekämpft haben. Die das Projekt für das Stadtteilkulturzentrum sozusagen den Widrigkeiten (und es waren einige!) zum Trotz durchgetragen haben. Eine ‚Realisierung des Wettbewerb-Renderings’ ist unter diesen Umständen eine echte Leistung und diese erfährt die verdiente Würdigung.

Zwar mussten sich manche noch etwas an den Neubau gewöhnen. Wie bei einem guten Schuh, den man einläuft, muss auch ‚ein Gebäude eingelebt’ werden. Doch insgesamt hat sich das alles gelohnt! Der weite Weg durch Wettbewerb und Neuvergabe, die eng terminierte Zusammenarbeit, das ‚noch einmal den Hut rumgeben’ und auch immer wieder ‚Sparmaßnahmen durchzuplanen’, dass ist ganz sicher! Denn dieses Haus hat viel Potenzial. Es verbessert eine stadträumliche Situation, es wertet auf, ohne zu vertreiben und es bringt Menschen zusammen. Es schafft Räume für Vieles, sogar zum Schmelzen in Nordeuropäischen Temperaturen. Und es hat noch ein wunderbares Potenzial, Potenzial für echte Lieblingsplätze. Manch einer, so wurde mir davon berichtet, hat seinen Lieblingsplatz bereits in der neuen Zinnschmelze gefunden.

Und mehr Sinn kann Bauen doch gar nicht machen!

Tina Unruh  Architektin Dip.-Ing. Dipl. NDS ETHZ, Oktober 2016   

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