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Bauwerk des Jahres 2020

Erweiterung Heilwig-Gymnasium, Wilhelm-Metzger-Straße 4, 22297 Hamburg

 
Projekt:
Erweiterung Heilwig-Gymnasium, Wilhelm-Metzger-Straße 4, 22297 Hamburg
Bauherr:
SBH I Schulbau Hamburg
Architekt:
Winking Froh Architekten GmbH, Hamburg
Tragwerksplanung:
Wetzel & von Seht, Hamburg
 
LAUDATIO

Um die besondere Qualität des Erweiterungsbaus für das Heilwig-Gymnasium zu begründen, muss man auf den Schulbau der Nachkriegsjahre in Hamburg zurückblicken.

Paul Seitz, Erster Baudirektor und Leiter des Hochbauamts von 1953 bis 1963 unter Oberbaudi-rektor Werner Hebebrand, entwickelte in dieser Zeit ein baukastenartiges Typensystem für den Schulbau in Hamburg. Klassen- und Fachraumpavillons, Kreuzbau und Turnhalle wurden in weitläufig angelegten, teilweise parkartig anmutenden Lernlandschaften vielfach wiederkehrend und unterschiedlich kombiniert über die gesamte Stadt verteilt errichtet.

Die besondere Qualität der mit diesem Grundprinzip angestrebten Weiterentwicklung der re-formpädagischen Ansätze des Schulbaus der 1920er Jahre unter Fritz Schumacher entwickelt sich aus der aufgelockerten Anordnung der Bautypen mit überdachten Verbindungswegen auf dem Schulgelände. Zwischen den Gebäuden ergeben sich unterschiedliche, individuell gestalte-te Umgebungsräume, zahlreiche Grünflächen, Schulhöfe und kleinere Innenhöfe, die auch für den Unterricht im Freien geeignet sind.

Alle Innenräume der Typenbauten verfügen über großzügige, stets zweiseitige Befensterung für natürliche Belichtung, Querlüftung und Blickverbindungen in den begrünten Außenraum.

Zitat aus HAMBURG UND SEINE BAUTEN 1954-1968:
„Der Weg war schwer, angesichts der chaotischen Zerstörungen des Weltkriegs mit der kata-strophalen Raumnot in den Schulen und den noch unzureichenden Baumitteln, einen neuen, in die Zukunft weisenden Anfang zu finden. Er führte zur Abkehr von Mammutgebäuden, zur Auf-lockerung in kleinere Einheiten und zur Einbettung in eine grüne Atmosphäre."

Und an anderer Stelle: „Es ging um die Entwicklung einer Bauweise mit hohem Nutzeffekt, die in der architektonischen Gestaltung der Gebäude sachlich und frei von unnötiger und teurer Repräsentation bleibt und die in ihren Konstruktionsprinzipien nicht übersteigert ist."

Die 1970 am Heilwig-Gymnasium realisierte Turnhalle des Typenkatalogs - auch Seitzhalle ge-nannt - ist mit außenliegendem Tragsystem und raumhoher Befensterung besonders markant. In diesen Bezug stellt sich der unmittelbar benachbarte Erweiterungsbau der Architekten
Winking und Froh.

Der Neubau benennt als seinen Referenzpunkt die originalgetreu sanierte und unter Denkmal-schutz stehende Turnhalle sehr, klar ohne sich anzubiedern oder unterzuordnen. Er stellt sich in den Kontext und nimmt im Dialog gleichzeitig einen eigenen Standpunkt ein.

Diese Haltung zweier „Brüder im Geiste" ist an folgenden Entwurfsmerkmalen des Neubaus ablesbar:

  • an dem aus der Bauflucht weit zurückspringenden Verbindungsbau, der zwei eigenstän-dige Baukörper nebeneinander stehen lässt
  • an der großflächig auf den Gebäudeseiten eingesetzten, gleichmäßig getakteten Befens-terung im Wechselspiel mit scheibenartig geschlossenen Mauerwerksflächen
  • an den baukastenartigen Konstruktions- und Fensterelementen als verwandte aber un-terschiedlich ausformulierte Fassadenkomponente
  • an der einheitlichen Höhenentwicklung bei unterschiedlicher Dachform
  • an der absolut einheitlichen Farb- und Materialabstimmung

Um die durch verschiedene Zubauten der vergangenen Jahrzehnte inzwischen eingetretene Verknappung der Freiflächen auf dem Schulgelände zu minimieren, wurde das Bauprogramm auf zwei Ebenen untergebracht. Die Höhe der Seitzhalle wird durch das Einsenken der unteren Ebene mit der neuen Turnhalle in das Gelände eingehalten. Die darüberliegenden Fachräume sind mit bodentiefen Fenstern großzügig belichtet. Im Verbindungsbau sind Erschließung, Trep-penhaus, Aufzug und WC-Anlage untergebracht.

Der Erweiterungsbau des Heilwig-Gymnasiums ist eine Hommage an den von Paul Seitz entwi-ckelten Schulbau der Nachkriegsjahrzehnte. Ihm gelingt als Bauwerk des Jahres 2020 das sel-tene Kunststück des Zusammenwirkens von Alt und Neu im Sinne einer wechselseitigen Auf-wertung.

Mathias Hein, Freier Architekt in Hamburg
Im November 2021


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