Ehemalige Maschinenzentralstation Block M28a / M29

Bauherrin
HHLA 2. Speicherstadt Immobilien GmbH & Co. KG
Architekten
Tragwerksplaner
WP Ingenieure Partnerschaft Beratender Ingenieure mbB
Architekturfotografie
Laudatio
Dieser Ort dürfte jedem Hamburger vertraut sein und auch die meisten Touristen kommen auf ihren Streifzügen zu den Sehenswürdigkeiten hier vorbei. Mitten in der Speicherstadt reckt das ehemalige Kesselhaus seine markanten Schornsteinnachbildungen in den Himmel. Hier wurde der Dampf für die stählernen Ungetüme der Maschinenzentralstation erzeugt, die in den benachbarten Blöcken 28a und 29 ihre Heimat hatten. Die technisch innovative Anlage versorgte eines der damals modernsten Hafen- und Logistikzentren der Welt mit Elektrizität für Beleuchtung und hydraulischer Energie für Transport- und Hebeanlagen. Doch nach seiner Zerstörung im zweiten Weltkrieg wurde der Kopfbau des obsolet gewordenen Maschinengebäudes nicht wieder aufgebaut.
Seitdem gähnte zwischen dem Kesselhaus und dem erhaltenen Block 28a eine städtebaulich schmerzliche Lücke, deren einzigen Vorzug man darin sehen mochte, dass hier ein freier Platz war, auf dem noch bis 2018 vor der spektakulären Kulisse der Speicherstadt der Hamburger Jedermann aufgeführt werden konnte. Doch welcher Zuschauer wird geahnt haben, dass unter den Füßen des Todes noch alte Maschinenfundamente schlummerten?
Was für ein Glücksfall also, dass ein Bauherr hier den Mut hatte, statt einer kleinen Bestandssanierung nicht nur das alte Gebäude umfangreich zu revitalisieren, sondern in diesem Zuge auch gleich noch den verlorenen Kopfbau der Maschinenzentralstation wieder zu ergänzen. Im Jahr 2018 begann nach einem vorgeschalteten Wettbewerb die Planung in der nicht nur denkmalgeschützten, sondern seit 2015 sogar zum UNESCO-Welterbe erklärten, Speicherstadt. Das folgende Zitat aus der UNESCO-Bewertung zum Kriterium Authentizität mag den Rahmen für einen Wiederaufbau skizzieren: „Die Speicherstadt wurde im Zweiten Weltkrieg erheblich beschädigt, was dem Verständnis für den Wert der Stätte jedoch keinen Abbruch tut. Form und Gestaltung des Gutes als Ganzes sind ebenso wie Materialien und Substanz weitgehend erhalten.“
Die ab den 1880er Jahren errichtete Speicherstadt hat also keineswegs komplett im musealen Originalzustand überdauert. Das zeigt exemplarisch auch die Geschichte der Maschinenzentralstation. Diese wurde um 1883 zusammen mit dem Kesselhaus als einer der ersten und ganz wesentlichen Bauten der Speicherstadt fertiggestellt. Doch schon 1891 brannte das Gebäude ab und der Wiederaufbau erfolgte in reduzierter Höhe und teilweise veränderter Gestalt. Ein Bombentreffer zerstörte 1943 schließlich den westlichen Kopfbau komplett, so dass Werner Kallmorgen, der nach dem Krieg große Teile der Speicherstadt rekonstruierte, von dem schon viele Jahre nicht mehr als Energiezentrale benötigten Gebäude lediglich den östlichen Gebäudeteil weitgehend originalgetreu wiederherstellte. Aber was heißt hier eigentlich originalgetreu? Wäre das Original nicht der Ursprungszustand vor dem Brand von 1891? Werner Kallmorgen orientierte sich jedenfalls am letzten erhaltenen Zustand und dieser war auch die Referenz der neuen Planung.
75 Jahre später wurde nun also ein Wiederaufbau geplant. Niemand wusste, was der Bombentreffer von dem Kopfbau unter der Erde übriggelassen hatte. So war die Überraschung groß, als die ersten Grabungsarbeiten ein recht gut erhaltenes Untergeschoss ans Tageslicht brachten und zur Freude der hinzugezogenen Industriearchäologen sogar Maschinenfundamente und alte Gussleitungen freigelegt wurden. Weitere Untersuchungen zeigten, dass die vorhandene Gründung aus gemauerten Blockfundamenten auf Holzpfählen, für das neu zu errichtende Gebäude weiter nutzbar war.
Daher konnte der Kopfbau in seiner ursprünglichen Kubatur auf den historischen Fundamenten rekonstruiert werden. Was hier so einfach klingt, war jedoch eine größere Aufgabe für die Tragwerksplanung, da alle Lastpfade des neuen Gebäudes auf die Möglichkeiten der vorhandenen Gründung abgestimmt werden mussten. Auch bei der Revitalisierung des Bestandes stellten sich zahlreiche Herausforderungen, die nur durch eine bemerkenswert gute Teamarbeit aller Planungsbeteiligten solch schlüssige Lösungen finden, wie sie in diesem Gebäude sichtbar oder noch besser unsichtbar sind. Beispielsweise versteckt sich Technik in einem Aufbau, der sich sehr unauffällig an den benachbarten Speicherblock anschmiegt und dessen größere Höhe aufnimmt.
Im Inneren verschmelzen Neu- und Altbau zu einem harmonischen Gesamtgebäude. Zugleich wurden die Räumlichkeiten so flexibel ausgelegt, dass unterschiedliche Nutzungskonzepte umsetzbar sind. An dieser Stelle sei die ausgesprochen konstruktive Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz hervorgehoben, der die Erhaltungswürdigkeit gefundener Relikte mit Augenmaß bewertete und dabei bereit war, auch die Anforderungen der zukünftigen Nutzung zu berücksichtigen. So wurden einige der schon erwähnten wiederentdeckten Maschinenfundamente sorgfältig restauriert und in einen kleinen Veranstaltungsraum unter dem Neubau integriert, der jetzt die Geschichte dieses Gebäudes erlebbar macht. Im Gegenzug durfte in den verbleibenden Teil des Untergeschosses eine Stahlbetonwanne eingezogen werden, die als WU-Konstruktion bis in das Erdgeschoss hochgeführt, das Gesamtgebäude nun sturmflutsicher macht und große Flächen für verschiedenste Nutzungen erschließt. Durch den Flutschutz steht das Gebäude im Hochwasserfall jetzt unter Auftrieb, wogegen es durch eine neue Rückverankerung der Sohle gesichert wurde.
Insgesamt hält sich die Gestaltung der neuen Bauteile vornehm zurück, wodurch die historische Konstruktion besonders gut zur Geltung kommt. Trotzdem bestechen die Einbauten durch ihr sorgfältiges Design auch kleiner Details. Die Materialität orientiert sich an der vorhandenen Substanz und transformiert sie in die Gegenwart. So fasziniert auch der kleine Lichthof in zentraler Position zwischen Neubau und Bestand durch das Spiel mit dem Material: die sägeraue Brettschalung des neuen Sichtbetons spiegelt förmlich die horizontale Bänderung des Klinkermauerwerks der Bestandswand. Die Fenster zum Innenhof ermöglichen reizvolle wechselseitige Blickbeziehungen zwischen altem und neuem Gebäude. Große Fensterflächen im Neubau erlauben wunderbare Aussichten auf die alten Speichergebäude auf der gegenüberliegenden Seite des Brookfleets einerseits und die moderne Bebauung der HafenCity am Sandtorkai andererseits.
In der äußeren Gestaltung ist der Balanceakt zwischen dem Aufnehmen der originalen Fassade und ihrer modernen Adaption auf sehr überzeugende Weise gelungen. Zum Glück wurde der Versuchung einer „originalgetreuen“ Rekonstruktion widerstanden. Der Bau fügt sich harmonisch in das Welterbe ein, er vervollständigt die originale Substanz, ohne sie zu kopieren oder nachzuahmen, sondern interpretiert sie mit modernen Mitteln neu. Alt und neu sind ehrlich voneinander zu unterscheiden, bilden aber trotzdem ein stimmiges Gesamtgebäude. Hier ist die Reparatur des Stadtraumes im besten Sinne gelungen. Die städtebauliche Lücke ist durch ein in der Historie verankertes, aber im Hier und Jetzt angekommenes Gebäude geschlossen.
Umso schöner, dass im Erdgeschoss ein Restaurant eröffnet hat, das dazu einlädt, die wunderbare Architektur dieses nun prämierten Bauwerks des Jahres 2025 mit angemessener kulinarischer Begleitung auf sich wirken zu lassen.
Wir gratulieren sehr herzlich zu dieser Auszeichnung!
Dr.-Ing. Alexander Steffens
Hamburg, im Oktober 2026







