Wohnen hoch drei

Wohnen hoch drei -

Laudatio

Bezahlbares Wohnen – kostenreduziertes Bauen - Gebäudetyp E – Hamburg Standard

Worum geht es da eigentlich? Um nicht mehr und nicht weniger als um das wohl dringendste soziale und gesellschaftliche Problem unserer Zeit: Die Einlösung eines Grundrechts, nämlich das Recht auf ein bezahlbares und bedarfsgerechtes Zuhause, speziell in einem Ballungsraum wie Hamburg.

Wie kann das fernab vom Getöse um Enteignungsfantasien, Massendemos und Mietpreisdeckel gelingen? Und wie kann es gelingen, dass trotz scheinbar unerschwinglich hoher Bau- und Grundstückspreise am Ende individuelle Wohnlösungen in einem attraktiven und lebenswerten Umfeld statt Fertigteilwohnghettos wie in den 1960er und 70er Jahre entstehen?

Die erste Antwort lautet: Das geht nur gemeinschaftlich. Eine der klügsten Strategien ist daher das seit über hundert Jahren bewährte Genossenschaftsmodell. In diesem Fall handelt es sich um eine Kleingenossenschaft mit dem Namen „Wohnen hoch drei eG“, die sich selbst wie folgt beschreibt: „Wir sind eine bunt gemischte Gruppe aus Familien, Singles und Paaren in den unterschiedlichsten Altersstufen, die ein kleingenossenschaftliches Mehrgenerationenwohnprojekt … gegründet haben.“

Die zweite Antwort lautet: Wir müssen weg von schablonenhaft-standardisierten Bauprogrammen des sozialen Wohnungsbaus. Wir müssen die späteren Bewohner*innen in den Planungsprozess einbinden, ihnen innerhalb eines finanzierbaren Kostenrahmens ermöglichen selbst zu entscheiden, was sie wirklich brauchen und abzuwägen, was davon sie sich tatsächlich leisten können oder wollen?

Natürlich sind das mühsame und langwierige Prozesse. Die bauherrschaftliche Einbeziehung aller Genossenschaftsmitglieder in Planungs- und Entscheidungsprozesse ist mühsam und anstrengend für alle Beteiligten. Es handelt sich zunächst um Laien in unterschiedlichen Lebensphasen, mit unterschiedlichen Lebensentwürfen und entsprechend unterschiedlichen Wohnbedürfnissen.

Schon am Beginn einer Planung ist die Bereitschaft aller Beteiligten zur Auseinandersetzung und Kompromissfähigkeit bei vielen Einzel- und Detailfragen gefordert. Den planenden und beratenden Architekten wird viel Erfahrung, Geduld und Moderationsfähigkeit abverlangt. Alle müssen eben, wie es hier offenbar der Fall war, an einem Strang ziehen und dürfen das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Am Ende kann sich das lohnen! Wie am Elisabeth-Ostermeier-Weg in Hamburg-Marmstorf.

Am Anfang stand die Frage: Was ist das Wesentliche? Wie bringen wir 24 unterschiedlich große Wohnungen auf unserem Grundstück bestmöglich unter?

Antwort: zwei einfache, 3-geschossig rechtwinklig zueinander angeordnete Baukörper in Holzrahmenbauweise mit flach geneigtem Satteldach. Es entsteht ein nach Süd-Westen ausgerichteter, gemeinschaftlich nutzbarer Freiraum.

Und jetzt der Clou: Die Erschließung der Wohnungen über ein offenes, vor die beiden Häuser leicht abgerückt gestelltes Laubengangsystem, mit individuell nutzbaren Aufweitungskojen. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Treppenhaus und Balkon. Einfach und trotzdem schön gebaut. Kurze, außenliegende Flucht- und Rettungswege, statt innenliegende Treppenhäuser mit Brandschutztüren und Entrauchungsanlage. Kein aufwändiger Schallschutz.

Und das Beste: Über drei Geschossebenen kein Flächenverlust in den Wohnhäusern durch Treppenhäuser und Hauseingänge. Stattdessen frei aufteilbare Grundrisse mit unterschiedlichen Wohnungsgrößen.

Das Ganze herstellbar in kurzer Bau- und Montagezeit durch hohen Vorfertigungsgrad der Holzrahmen-Wandelemente in klimaschonender Bauweise durch reduzierten Massivbauanteil – Stichwort: Vermeidung grauer Energie. Dazu kfW40+ Energieeffizienz mit großflächig angeordneten PV-Modulen auf den Dachflächen.

On top: Architektur, die Schönheit und Charakter in der Tradition bester skandinavischer Nachkriegsmoderne durch konsequente und gleichzeitig abwechslungsreiche Einfachheit erreicht.

Last but not least: Gemeinschaftlich genutzte Frei- und Mehrzweckräume. Ausdruck eines Selbstverständnisses, dass die Genossenschaft Wohnen hoch drei wie folgt benennt: „Uns verbindet der Wunsch nach einem Leben in Gemeinschaft. Wir sind der Überzeugung, dass jede*r Bewohner*in Wertvolles zum Gelingen des Projektes beitragen kann, trotz und wegen aller Verschiedenheit. Die Gemeinschaftsflächen bieten uns Raum für Geselligkeit. Hier kochen wir zusammen, spielen, feiern, musizieren, gucken Filme, machen Lagerfeuer, gärtnern und arbeiten. Wir legen besonderen Wert auf ein solidarisches, gemeinschaftliches und generationenübergreifendes Miteinander und auf Offenheit, Toleranz und Respekt untereinander.“

Die Zauberformel für dieses Bauwerk des Jahres lautet: Besinnung auf Gemeinschaft und Konzentration auf das Wesentliche. Das Ergebnis: Individualität und gemeinschaftliche Identität bei maximaler Effektivität. Genau das brauchen wir heute mehr denn je, nicht nur beim Bauen.

 

Mathias Hein, Freier Architekt

Hamburg, 03.10.2026

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