Trinitatis Quartier

Bauherren
Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein mit Bauwerk Kirchliche Immobilien Hauptkirchengemeinde St. Trinitatis Altona
Architektur
KBNK Architekten GmbH, Hamburg
Tragwerksplanung
HKS – Ingenieurbüro für Bauwesen, Hamburg
Architekturfotografie
Laudatio
Die Sankt-Trinitatis-Kirche stand nie in der Mitte eines Dorfes. Sie war immer als Hauptkirche für die Bewohner von Altona, der zweitgrößten Stadt Dänemarks, geplant und 1743 mitten in deren Zentrum gebaut worden. Doch genau dreihundert Jahre später war der Kirche nicht nur das Dach, sondern die ganze Stadt abhandengekommen - trotz des mutigen Engagements ihrer Pastoren noch zehn Jahre zuvor.
Im Jahr 1943 straften mit der Operation Gomorrha die alliierten Fliegerkommandos die willfährige Zivilgesellschaft im faschistischen Deutschland ab und entzündeten mit ihren wahllosen Flächenbombardements in der Stadt einen Feuersturm mit biblischen Ausmaßen. Ein Feuer, das seine Bewohner wohnungslos machen und ihre Moral brechen sollte - sofern sie diese Angriffe überhaupt überlebten. Doch es war nicht der erste verheerende Brand, von dem die St. Trinitatis Kirche erfasst wurde. Schauen wir also für einen Moment noch etwas weiter zurück, etwas weiter in die wechselvolle Entstehungszeit der Kirche und die seiner Nachbarschaft.
Die Errichtung der Kirche fällt in die „goldene Epoche“ von Altona. Diese dauerte vom “Schwedenbrand“ und dem anschließenden Wiederaufbau am Anfang des 18. Jahrhunderts bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Die damals noch vom dänischen König regierte Stadt war schon immer auf Plattdeutsch „all to nah“ - in Hochdeutsch „allzu nah“ - an der Hamburger Stadtgrenze entstanden, wie die Ratsherrn meinten. Doch diese Nähe war eine fruchtbare Konkurrenz für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung beider Städte - die von Hamburg und seiner sogenannten „schönen Schwester“. In Altona gab es den ersten Freihafen Nordeuropas. Schon im 17. Jahrhundert herrschte in Altona Glaubensfreiheit.
Kommen wir zurück zur Architektur der St. Trinitatis Kirche und ihrem Wiederaufbau im Barockstil: Mit den zwei gekreuzten Tonnengewölben, mit reich verzierten Logen, Emporen und einer raumgreifenden Kanzel. Damit war die Altonaer Kirche Trendsetter und kam dem wiederaufgebauten „barocken Michel“ fasst 10 Jahre zuvor. Nur ihr 70 Meter hoher Turm erreichte nicht die 110 Meter der drei Kirchtürme im benachbarten Hamburg. Wie diese war er schon im Jahrhundert zuvor in holländischer Manier mit einem mehrfach geschwungenen Kupferhelm errichtet worden. Nach der prosperierenden Gründerzeit wurde die Turm-fassade mit neobarocken Deko-Elementen überformt, nicht zuletzt mit dem Wunsch nach einer formalen Einheit von Turm und Kirchenschiffen.
Altona hat sich zu allen Zeiten als offene Stadt verstanden, die insbesondere Glaubens- und Wirtschaftsflüchtlingen sowie Minderheiten durch die Jahrhunderte Zuflucht bot und davon profitierte. Den Gedanken der Aufklärung und der Republik war sie früher als Hamburg zugetan, wie z.B. die ehemalige Altonaer Grenzstraße „Große Freiheit“ noch heute bezeugt.
Da überrascht es auch nicht, dass genau hier von mutigen Pastoren das „Altonaer Bekenntnis“ aufgesetzt wurde: Dies ist der gebräuchliche Name für das „Wort und Bekenntnis Altonaer Pastoren in der Not und Verwirrung des öffentlichen Lebens“, eine Kanzelabkündigung, die von 21 Pastoren am 11. Januar 1933 in der St. Trinitatis Kirche verkündet wurde. Das Bekenntnis richtete sich ideologiekritisch gegen politischen Extremismus jeder Art und gilt als das erste wichtige Dokument des kirchlichen Widerstandes gegen die NS-Diktatur.
Vier Jahre später stieg Hamburg mit dem Groß-Hamburg-Gesetz, in dem auch Altona zu einem ihrer Stadtteile wurde, zu einer der größte Städte Deutschland auf, um nur weitere sechs Jahre später in weiten Teilen zerstört zu werden.
Doch genug der Vorgeschichte: Wenn wir heute die Königstraße entlangfahren, ergibt sich ein ganz neues Bild: Die Kirche wurde aus der kriegsbedingten Isolation geholt, so als hätte sie endlich wieder eine natürliche Fassung erhalten. Hier ist ein städtischer Raum mit neuer Identität entstanden.
Was ist genau passiert?
Die Stadteile Altona-Altstadt und St. Pauli haben sich heute über die ehemaligen Grenzen hinweg längst zu einem Viertel mit eigenem Charakter entwickelt, in dem die Wohnungsgrößen unterdurchschnittlich und der Arbeitslosenanteil überdurchschnittlich sind, in dem der Begriff „Nachbarschaft“ räumlich und sozial enger ausgelegt wird. Der Migrationshintergrund der Bewohner hat hingegen keine Auffälligkeiten: Er liegt bei gut 40% und damit ziemlich genau im Mittel der Hanse- und Hafenstadt Hamburg. In städtebaulichem Kontext muss man allerdings an vielen Stellen von heterogener Nachbarschaft sprechen. Dies meint insgeheim immer ein Sammelsurium von Bauweisen, Typologien, Materialen und Proportionen - ein Sammelsurium, wie es sich auf der wechselhaften Suche nach anderen Leitbildern in so vielen deutschen Städten nach 1945 angesammelt hat.
In der Mitte des Viertels findet sich die Trinitatis-Gemeinde, von der aus wir über den abgeflachten Geesthang bis zum Hafen blicken können. Die Gemeinde widmet sich in ihrer Arbeit und Ansprache nicht nur Kindern, Familien und Senioren, sondern nimmt sich insbesondere auch den Rändern der Gesellschaft an, die in diesem Viertel stranden und einen Ankerplatz suchen; alles Aufgaben mit wachsendem Raumbedarf, was schließlich vor 9 Jahren in der Auslobung eines städtebaulichen Wettbewerbs mündete. Das Programm der Gemeinde für dieses Projekt spricht für sich: Ein neues Gemeindehaus, Sozialwohnungen, eine Kindertagesstätte, Wohnungen für ehemals obdachlose Menschen, einer Pilgerherberge und ein Café als Begegnungsstätte waren zu planen und zu bauen.
Begünstigt durch den Grünzug Neu-Altonas hat das neue Quartier die parkartige Einbettung des Grundstücks geschickt genutzt und das anspruchsvolle Programm in fünf freistehende Baukörper übersetzt. Der erste Blick macht es uns klar: Hier wurde mit archaischen Grundformen anscheinend für eine Gemeinschaft ohne Rangordnung gebaut, bar jeder schmückende Zierde, um nicht vom großen Bild abzulenken oder in Konkurrenz mit den historischen Elementen der Kirche zutreten. Dächer gibt es bei den neuen Gebäuden anscheinend von Anfang an nicht, nur schräge unmittelbare Attikaabschlüsse, hinter denen sich die Pultdach-Geometrien verbergen. Dabei vermittelt die Architektur eine Haltung, die dem Pomp und seiner Haltbarkeit grundsätzlich misstraut, als hätten die blanken, widerstandsfähigen Baukörper die Geschichte von den großen Bränden ihrer Stadt verinnerlicht.
Bei den Proportionen und der Materialität hat man auf sich selbst geschaut, hat bei den anschließenden Neubauten die Gesimshöhe der alten Kirche und ihren Ziegelstein wieder aufgenommen. Die wahllose Anordnung unterschiedlich großer Fenster überläuft als gleichförmiges Muster die Fassaden der monolithischen Baukörper und stärkt den abstrakten Ensemble-Charakter. Stringent wird das Entwurfskonzept bis in die eingefärbten Fertigteil-Fenstergesimse unsichtbar und gekonnt zugleich fortgesetzt. Dabei mildert die kunterbunte Anordnung der Fenster die Strenge der Baukörper ab, als suchten sie den unbeschwerten Smalltalk mit sich und der Außenwelt.
Herausgekommen ist schließlich ein neuer Kirchplatz. Durch die gegenseitige Inspiration von einem altmodischen Kirchengebäude und einer Gruppe karger Monolithen ist in ihrer Mitte ein architektonisches Kraftfeld entstanden, wurde ein zeichenhafter Zwischenraum erzeugt. In diesem Zwischenraum erhält jedes der Häuser zugleich seine individuellen Vorzonen mit eigenen Nutzungsoptionen, ohne den Anschluss an das Ganze zu verlieren.
Dieses Dazwischen verleiht dem Quartier schlussendlich seine herausragende Stellung: Die offene Durchwegung, die es für alle Fußgänger bereithält, die Einbeziehung der angrenzenden Parks und die direkten Übergänge zu den Straßenräumen. Es entstehen vielfältige Sichtachsen, die immer wieder unverstellte Blickbeziehungen erlauben und neue räumliche Ausschnitte erzeugen, in die die Kirche als Primus Inter Pares eingebettet ist. In dieser Zusammenschau zeigt sich uns ein architektonischer und geschichtlicher Spannungsbogen, der meisterhaft ins Gleichgewicht gesetzt wurde.
Mit der Erweiterung der Kirche ist heute ein Ort entstanden, der vor allem praktische Lebenshilfe, ein bezahlbares Zuhause und persönlichen Austausch bietet. Darüber hinaus: Internationale Kontaktmöglichkeiten, ein alltäglicher Treffpunkt und ein Veranstaltungsprogramm für jedermann. Toleranz wird hier auch im spirituellen Handwerk gepflegt: Regelmäßig bietet die evangelisch-lutherische Kirche der Ökumene Raum für gemeinsame Gebete und ein gemeinsames Frühstück.
Bei diesem Entwurf wurde aus einzelnen Bausteinen in Altona ein neues Verbindungsstück aufgemauert, das einen neuen wichtigen Platz im Stadtkörper wie im Stadtleben des Viertels und darüber hinaus einnehmen wird. Hier wurde Gutes gebaut, um Gutes zu tun, in einer Zeit, wo der öffentliche Wettstreit um Güte seine Selbstverständlichkeit und Entschlossenheit verliert. Und alles wurde sorgsam aufeinander abgestimmt, so dass seine alten und neuen Teile zusammen ein Vielfaches von ihrer bloßen Summe ergeben.
Auch wenn es uns für den Moment nachdenklich, dankbar oder gar andächtig werden lässt, so sollten wir heute „Bravo“ rufen und Klatschen und den Urhebern und Vordenkern des Projekts gratulieren, denen der AIV hiermit einstimmig den Preis für das „Bauwerk des Jahres 2025“ zur Seite stellen möchte.
Peter Olbert
Hamburg, 15. Oktober 2026






